Stand: 10. Juni 2026

Factoring

Factoring ist der laufende Verkauf offener Rechnungsforderungen an einen Finanzdienstleister, der den Betrag sofort auszahlt.

Einfach erklärt

Factoring bedeutet, dass ein Unternehmen seine offenen Rechnungen nicht selbst eintreibt, sondern an einen spezialisierten Dienstleister verkauft - den sogenannten Factor. Statt also wochenlang auf das Geld eines Kunden zu warten, erhält das Unternehmen den Großteil des Rechnungsbetrags sofort, meist innerhalb von ein bis zwei Tagen.

Ein einfaches Bild dazu: Factoring funktioniert ähnlich wie der Verkauf eines Gutscheins, den man eigentlich erst in einem Monat einlösen könnte. Man bekommt sofort Bargeld in die Hand, akzeptiert dafür aber einen kleinen Abschlag. Genau diesen Abschlag - die Gebühr - behält der Factor als Bezahlung für seinen Dienst.

Üblicherweise zahlt der Factor zunächst etwa 80 bis 90 Prozent der Rechnungssumme aus. Den Rest gibt es, sobald der Kunde die Rechnung tatsächlich beglichen hat. Oft kümmert sich der Factor sogar selbst um das Mahnwesen, falls ein Kunde zu spät zahlt. So gewinnt ein Unternehmen schneller verfügbares Geld und spart sich gleichzeitig Verwaltungsaufwand.

Im Detail

Factoring ist eine Form der Unternehmensfinanzierung, bei der ein Unternehmen seine offenen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen laufend an einen Factor verkauft. Dieser zahlt den Rechnungsbetrag abzüglich Gebühr und eines Sicherheitseinbehalts sofort aus - in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden zu etwa 80 bis 90 Prozent. Der Sicherheitseinbehalt folgt, sobald der Debitor die Rechnung beglichen hat.

Die drei zentralen Funktionen

Finanzierungsfunktion: Das Unternehmen erhält sofortige Liquidität, statt Kapital über das Zahlungsziel hinweg gebunden zu halten. Durch die Bilanzverkürzung lässt sich zudem die Eigenkapitalquote optimieren.

Delkrederefunktion (Ausfallschutz): Beim echten Factoring übernimmt der Factor das volle Ausfallrisiko - zahlt der Kunde nicht, trägt der Factor den Verlust. Dies schützt vor Forderungsausfall.

Dienstleistungsfunktion: Der Factor übernimmt das Debitorenmanagement inklusive Forderungsbuchhaltung, Mahnwesen und Inkasso und entlastet so besonders kleinere Unternehmen administrativ.

Wichtige Factoring-Arten

Echtes vs. unechtes Factoring: Beim echten Factoring liegt das Ausfallrisiko (Delkredere) beim Factor; beim unechten Factoring verbleibt es beim Unternehmen, das den Vorschuss bei Zahlungsausfall zurückzahlen muss. Diese Unterscheidung hat erhebliche rechtliche und bilanzielle Konsequenzen - in Deutschland ist das echte Factoring der weit verbreitete Standard.

Offenes vs. stilles Factoring: Beim offenen Factoring wird der Debitor über den Forderungsverkauf informiert und zahlt direkt an den Factor. Beim stillen Factoring erfährt der Kunde nichts davon; die Zahlung läuft weiterhin über das ursprüngliche Unternehmen.

Full-Service- vs. Inhouse-Factoring: Beim Full-Service-Factoring übernimmt der Factor das komplette Paket inklusive Debitorenmanagement. Beim Inhouse-Factoring (auch Bulk-Factoring) behält das Unternehmen das Forderungsmanagement selbst und nutzt nur die Finanzierungs- und Risikofunktion.

Kosten und wirtschaftliche Einordnung

Die Kosten setzen sich typischerweise aus einer Factoring-Gebühr (prozentualer Anteil des Forderungsvolumens, oft im niedrigen einstelligen Prozentbereich), Zinsen für den Zeitraum der Vorfinanzierung sowie gegebenenfalls Gebühren für die Bonitätsprüfung der Debitoren zusammen. Die Höhe hängt von Umsatzvolumen, Branche, Anzahl und Bonität der Kunden sowie der durchschnittlichen Rechnungshöhe ab. Wirtschaftlich lohnt sich Factoring besonders dann, wenn die gewonnene Liquidität produktiv eingesetzt wird - etwa für Skontovorteile beim eigenen Einkauf, für Wachstumsfinanzierung oder zur Vermeidung teurerer Kontokorrentkredite.

Rechtliche Aspekte

Factoring ist in Deutschland eine erlaubnispflichtige Finanzdienstleistung. Anbieter unterliegen der Aufsicht der BaFin und benötigen eine Erlaubnis nach dem Kreditwesengesetz (KWG), was bei der Auswahl seriöser Anbieter ein gewisses Maß an Sicherheit bietet. Umsatzsteuerlich wird der Forderungsverkauf beim echten Factoring nach gefestigter Rechtsprechung anders behandelt als beim unechten - im Einzelfall empfiehlt sich steuerlicher Rat. Abzugrenzen ist Factoring von der Forfaitierung, dem Verkauf einzelner, meist langfristiger Forderungen, oft im Auslandsgeschäft, im Gegensatz zum laufenden Charakter des Factoring.

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Ein Blick in die Praxis

Wie sich Factoring in der Praxis anfühlt, lässt sich gut an einem Beispiel nachvollziehen.

Ein kleiner Maschinenbaubetrieb liefert regelmäßig Bauteile an einen großen Industriekunden. Die Rechnungen sind oft fünfstellig, das vereinbarte Zahlungsziel beträgt 60 Tage. Das Problem: Material, Löhne und der nächste Auftrag müssen längst bezahlt werden, während das Geld der bereits gelieferten Aufträge noch beim Kunden liegt. Die Liquidität gerät regelmäßig unter Druck, obwohl die Auftragsbücher voll sind.

Mit Factoring ändert sich die Situation: Der Betrieb reicht die ausgestellte Rechnung beim Factor ein. Innerhalb von zwei Tagen erhält er rund 85 Prozent der Summe ausgezahlt. Damit kann das Unternehmen sofort neues Material einkaufen - und bei seinem eigenen Lieferanten sogar Skonto ziehen, weil es nun schnell zahlen kann. Der restliche Betrag fließt, sobald der Industriekunde nach 60 Tagen die Rechnung beim Factor begleicht. Beim echten Factoring trägt der Factor zudem das Risiko, falls der Kunde gar nicht zahlt.

Relevanz für Selbstständige und kleine Unternehmen

Für die Zielgruppe ist Factoring vor allem bei langen Zahlungszielen großer Geschäftskunden, bei starkem Wachstum mit hohem Vorfinanzierungsbedarf oder bei regelmäßig verspätet zahlenden Kunden interessant. Einschränkend gilt: Für Solo-Selbstständige und Freelancer mit geringem Rechnungsvolumen rechnet sich klassisches Factoring oft nicht, da viele Anbieter Mindestumsätze voraussetzen. Inzwischen gibt es jedoch zunehmend digitale Factoring-Angebote und Einzelrechnungs-Factoring, die auch für kleinere Volumina oder einzelne Rechnungen funktionieren - eine Entwicklung, die diesen Markt auch für kleinere Akteure interessanter macht.

Ein Begriff mit langer Geschichte

Factoring ist erstaunlich alt: Die Grundidee des Forderungsankaufs lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen, etwa zu babylonischen Händlern. Das moderne Factoring entwickelte sich vor allem im Handel zwischen England und den amerikanischen Kolonien, wo Handelsagenten - die „Factors“ - Waren kommissionierten und Zahlungen garantierten. Daher stammt auch der Name.

Was es nicht bedeutet

Rund um Factoring halten sich einige hartnäckige Irrtümer, die das Konzept verzerren:

  • Factoring ist kein Inkasso: Inkasso wird erst aktiv, wenn ein Kunde bereits nicht gezahlt hat - es geht um das Eintreiben überfälliger Schulden. Factoring hingegen ist eine vorausschauende Finanzierungsform für noch nicht fällige, gesunde Forderungen.
  • Factoring ist kein klassischer Kredit: Anders als beim Bankkredit nimmt das Unternehmen keine Schulden auf, sondern verkauft einen Vermögenswert - die Forderung. Beim echten Factoring erscheint die Finanzierung daher in der Regel nicht als Verbindlichkeit in der Bilanz, was die Bilanzstruktur verbessern kann. Die konkrete bilanzielle Behandlung fällt im Einzelfall allerdings differenzierter aus - so verbleibt etwa der Sicherheitseinbehalt als Forderung in der Bilanz, und nach IFRS hängt die vollständige Ausbuchung davon ab, ob tatsächlich alle wesentlichen Chancen und Risiken auf den Factor übergegangen sind.
  • Factoring ist kein Zeichen finanzieller Schieflage: Das historisch zweifelhafte Image trügt. Heute nutzen viele gesunde, wachsende Unternehmen Factoring gezielt als modernes Liquiditätsinstrument, gerade bei schnellem Wachstum mit hohem Vorfinanzierungsbedarf.
  • Nicht jede Forderung ist factorabel: Forderungen mit Gewährleistungs- oder Reklamationsrisiken sowie Forderungen gegen Privatkunden (B2C) werden von vielen Anbietern nicht oder nur eingeschränkt angekauft. Klassisches Factoring ist meist B2B-orientiert.

Dieser Artikel dient zur allgemeinen Information und ersetzt keine Steuer- oder Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen wenden Sie sich an einen Steuerberater oder Rechtsanwalt.